Trend Report Oktober 2012

 

Chinas Wirtschaft im Umbruch:

Die Werkbank der Welt wird zum Zukunftsmarkt
Chinas Wirtschaft befindet sich an einem Scheideweg. Die 30jährige wirtschaftliche Erfolgsgeschichte stößt angesichts sich ändernder Rahmenbedingungen allmählich an Grenzen. Die schwindende demographische Dividende, steigende Lohnkosten, Umweltprobleme, aber auch der Reifegrad vieler Branchen machen einen Paradigmenwechsel in vielen Industriezweigen notwendig, und das in naher Zukunft. In der chemischen Industrie zeichnet er sich bereits ab.

Ist es die Weltwirtschaft, oder spielen auch nationale Faktoren eine Rolle? Die chinesische Wirtschaft hat sich im Laufe des Jahres 2012 deutlich abgekühlt; das Bruttoinlandsprodukt wuchs im 1. Halbjahr "nur" noch um 7,8 % und soll in der 2. Jahreshälfte in einer ähnlichen Größenordnung liegen. Der größte Treiber sind nach wie vor Anlageinvestitionen, die 2011 fast 50% des BIP ausmachten. Nachdem sich in Branchen wie der Solarindustrie erste Anzeichen für den Aufbau von Überkapazitäten mehren, steuert die Regierung nun aktiv gegen, in dem sie die private Kaufkraft erhöhen will. Das Exportwachstum hingegen hat sich stark verlangsamt. Die asiatische Entwicklungsbank ADB weist in ihrem jüngsten Bericht von Anfang Oktober aber gleichzeitig darauf hin, dass Chinas solide Staatsfinanzen und die staatliche Stimulierung das Land trotz der Turbulenzen in der Weltwirtschaft vergleichsweise stabil halten.

Der Wandel von der Investitions- zur Konsumwirtschaft zeichnet sich unter anderem in höheren Löhnen ab. Nach einer Studie der Unternehmensberatung Boston Consulting haben die Lohnsteigerungen von rund 16 % jährlich über das vergangene Jahrzehnt dazu geführt, dass China seinen Lohnkostenvorteil in vielen Bereichen eingebüßt hat. Gleichzeitig jedoch entwickelt sich dadurch die Nachfrage auf dem heimischen Markt. Und auch soziale Faktoren beeinflussen die Wirtschaft: Die rapide Alterung der Gesellschaft und der steigende Wohlstand sorgen dafür, dass der Gesundheitssektor um rund 20 % jährlich wächst. Neben den Betreibern von Altersheimen und Krankenhäusern finden auch Pharmazie- und Medizintechnikunternehmen hier einen attraktiven Markt.

Gleichzeitig setzt die chinesische Politik auch auf den Wandel von der "verlängerten Werkbank" zum Hightech- und Innovationsland. Im aktuellen Fünfjahresplan, der bis 2015 gilt, sind dafür sieben Schlüsselbereiche definiert:

 

 

Chinas Rohstoffhunger ist ungebrochen. Nach Schätzungen der IEA (International Energy Agency) benötigt China derzeit etwa 9,7 Millionen Barrel Erdöl pro Tag. Dabei ist die Abhängigkeit von Importen, besonders von Öl und Gas, hoch: 204 Millionen t Rohöl aus eigener Förderung stehen geschätzten Importen von 500 Millionen t gegenüber. Deshalb liegt das Augenmerk auf der Erschließung heimischer Ressourcen. Neben der weiteren Förderung von Kohle als chemischer Rohstoff treiben nicht zuletzt die Erfolgsmeldungen aus den USA auch in China das Interesse an der Schiefergasgewinnung an. Die Vorkommen liegen allerdings deutlich tiefer als in den USA und oft in entlegenen Regionen. Das Know-How für die Förderung ist in China selbst nicht vorhanden. Der Wettlauf der internationalen Unternehmen, als Partner in die chinesische Shale-Gas-Förderung einzusteigen, ist deshalb in vollem Gange; Royal Dutch Shell hat bereits entsprechende Verträge abgeschlossen und plant zusätzlich den Bau von verarbeitenden Anlagen, andere Firmen wie Conoco Phillips prüfen derzeit den Einstieg.

Gleichzeitig fördert China weiterhin die regenerative Energieversorgung. Der Anteil nicht-fossiler Energieträger am Primärenergieverbrauch soll bis 2015 auf 11,4 % steigen. Dafür sollen rund 604 Milliarden Euro in Erzeugungskapazitäten und Netze fließen. Unter nicht-fossile Energieträger wird dabei neben Wasser- und Windkraft, Solarenergie und Biomasse auch die Kernkraft verstanden. Zwar ist der Pro-Kopf-Verbrauch an Energie nach wie vor deutlich niedriger als in den USA oder Deutschland; dennoch ist China heute schon der weltweit größte Energieverbraucher. Neben dem Neubau von Kernkraftwerken und der Verdoppelung der Kapazitäten zur Erzeugung von Windstrom wird auch die Solarenergie stark gefördert - nicht ganz uneigennützig, denn angesichts der Krise auf dem weltweiten Solarmarkt hofft man, das Überleben der heimischen Industrie durch eine verstärkte Binnennachfrage zu sichern. Parallel wird die Netzinfrastruktur ausgebaut, wobei die Regierung auf Smart-Grid-Lösungen setzt und darüber hinaus eine Reihe von Pilotprojekten für die Umsetzung eigener Forschungs- und Entwicklungsergebnisse gestartet hat.

Biomasse als regenerative Rohstoffquelle ist in der Vergangenheit auf großes Interesse gestoßen. Die Verfügbarkeit ist jedoch sehr eingeschränkt; Landverluste durch Umweltveränderungen und Urbanisierung führen dazu, dass der Fokus der landwirtschaftlichen Erzeugung auf der Lebensmittelversorgung liegt. Für die Biogaserzeugung dürfen deshalb nur Gülle und Reststoffe genutzt werden; deren Aufkommen soll aber genügen, um bis 2015 70.000 kleinere und 8.000 große Biogasanlagen zu betreiben. Nach Angaben des Branchenportals RenewableEnergyWorld.com fallen auf Chinas Feldern jährlich 700 Millionen Tonnen Reisstroh an; davon werden 150 Millionen Tonnen direkt auf dem Feld verbrannt - viel Material für die Energieerzeugung. Für die Mobilität setzt China neben der Entwicklung von Elektrofahrzeugen vor allem auf Biosprit. Laut dem aktuellen Fünfjahresplan soll der Verbrauch an Bioethanol sich gegenüber der Vorperiode verdoppeln; derzeit liegt er bei etwa 1,7 Millionen Tonnen pro Jahr.

Die chemische Industrie ist Chinas drittgrößter Industriezweig nach der Textilindustrie und dem Maschinenbau. 10 % des chinesischen Bruttoinlandsprodukts werden hier erwirtschaftet, und China ist nach den USA der zweitgrößte Verbraucher chemischer Grundstoffe. Die Wachstumsraten haben sich zwar im Zuge der Entwicklungen am Weltmarkt im Laufe des Jahres 2012 verlangsamt, sind aber nach wie vor beeindruckend: Nach Angaben von gtai (Germany Trade & Invest) stieg die Produktion 2011 gegenüber dem Vorjahr um 32,3 % an; der Export legte um 31,1% zu, der Import um 21,1 %.

Die Struktur der chemischen Industrie in China unterscheidet sich nach wie vor erheblich von der westlicher Industriestaaten. Mehr als 33.000 Unternehmen sind nach Angaben der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG in der Branche aktiv; laut China Analysis 91 vom September 2011 erzielen die zehn größten Unternehmen zusammen einen Marktanteil von 21 %. Zum Vergleich: In Japan machen die fünf größten Unternehmen 39 % des Marktes aus, in Deutschland 67 %. Die starke Fragmentierung, die auch innerhalb des ChemChina-Konzerns anzutreffen ist, resultiert in einer Vielzahl unrentabler Unternehmen und einer mangelhaften Integration verschiedener Stufen der Wertschöpfungsketten bzw. verschiedener Stoffströme. Eine Konsolidierung erscheint daher überfällig; die Stahl-, Zement- und Kohlebranche zeigen beispielhaft, wie schnell diese vor sich gehen kann. Seit September 2011 gilt außerdem, dass neue Projekte, die die Produktion oder Lagerung von Gefahrstoffen beinhalten, nur noch innerhalb von Industrieparks genehmigt werden. Das könnte zu einer weiteren Konzentration von chemischen Anlagen in Industrieparks und zur Entstehung stärker integrierter Standorte bis hin zum Verbundstandort beitragen.

Ausländische Experten weisen zudem darauf hin, dass Ungleichgewichte zwischen staatlichen, chinesischen Privat- und ausländischen Unternehmen bestehen. Laut AT Kearney betrifft dies vor allem den Zugang zu Rohstoffen sowie zu günstigem Kapital, doch auch bei der Dauer von Genehmigungsverfahren würden einheimische Unternehmen bevorzugt. Gleichzeitig ermutigt die chinesische Regierung die staatlichen Unternehmen zu Auslandsinvestitionen und Firmenübernahmen.

Bislang konzentriert sich die chemische Industrie vor allem in den Küsten- und Ostprovinzen. In dem Bemühen, das wirtschaftliche Gefälle innerhalb des Landes auszugleichen, wurden Fördermaßnahmen für die westlichen Provinzen auf den Weg gebracht, die in einer "Goldgräberstimmung" (gtai) in einigen Gebieten resultieren. Während das Wachstum in den Küstenregionen fast zum Erliegen gekommen ist, sind in Millionenstädten wie Chongching und Chengdu noch genügend günstige Arbeitskräfte verfügbar. Steuererleichterungen fördern zudem Industrieansiedlungen in Zentral- und Westchina.

Während China seine Downstream-Kapazitäten in der Petrochemie ausbaut, investiert es gleichzeitig erheblich in die Förderung von "Clean Coal"-Technologien für die chemische Industrie. Auch internationale Konzerne zeigen daran Interesse: So investiert Dow Chemicals gemeinsam mit Shenhua 10 Milliarden US$ in ein Projekt in Yulin, und Celanese plant den Bau eines oder mehrerer Kohle-Ethanol-Werke auf Basis eines neuentwickelten Prozesses.

Nicht nur das Rohstoffportfolio wandelt sich, auch auf der Produktseite zeichnen sich Verschiebungen ab. Nach Angaben des Nationalen Statistikbüros ist das Umsatzwachstum bei Spezialchemikalien etwa dreimal so hoch wie das des Industriedurchschnitts. Auch dieser Sektor ist bislang stark fragmentiert. Er steht jedoch besonders im Fokus der Politik, da seine Produkte erheblichen Anteil an der Weiterentwicklung der oben genannten sieben Schlüsseltechnologien haben. Auch die Nachfrage nach neuen Werkstoffen für Verbrauchsgüter treibt den Wandel, zumal sich die chinesische Regierung davon eine Modernisierung der Industrie auch mit Blick auf Nachhaltigkeit und Umweltschutz verspricht.

Insgesamt haben Nachhaltigkeits- und Umweltaspekte in China erheblich an Bedeutung gewonnen. Der aktuelle 5-Jahresplan, der seit 2011 in Kraft ist, setzt ehrgeizige Ziele in diesem Bereich: Eine Senkung der Energieintensität um 16% bis 2015, eine Verringerung der CO2-Intensität um 45 % bis 2020, Minderungen der SOx- und NOx-Emissionen, die Bekämpfung der Wasserverschmutzung und ein Aufforstungsprogramm sind nur einige der Eckpfeiler. Dafür sollen etwa 500 Mrd. US$ investiert werden. Entsprechend positiv sind die Aussichten für den Markt für Umwelttechnologien, für die ein durchschnittliches jährliches Wachstum von 15 bis 20 % erwartet wird.

Besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Wasserversorgung. Eine Kombination aus Meerwasserentsalzungsanlagen und großen Umleitungsprojekten soll die Versorgung des trockenen Nordostens sicherstellen. Doch nicht nur die verfügbare Menge bereitet Probleme, auch die Angaben zur Wasserqualität sind teils dramatisch: Nach Einschätzung des Ministry of Land and Resources ist die Qualität von 57 % der Wasservorräte des Landes als schlecht oder sehr schlecht einzustufen. Entsprechend hoch ist der Investitionsbedarf: Das China Water Network spricht von rund 20 Mrd. US$ im aktuellen Fünfjahresplan. Davon profitieren auch deutsche Anbieter; sowohl bei den Pumpen und Armaturen als auch in der Analytik sind die deutschen Exporte nach China 2011 deutlich gestiegen. Bei den Apparaten zum Filtrieren und Reinigen von Wasser dagegen gab es einen deutlichen Rückgang, während Ausrüstungsteile dafür deutlich stärker nachgefragt waren.

Die Entwicklungen der Chemie und verwandter Branchen schlagen auch auf die Zulieferindustrien durch. Die Importe in der Mess- und Regeltechnik liegen auf Rekordniveau. Während bislang Abnehmer wie die elektronische Industrie den Markt dominieren, geht gtai davon aus, dass auch Kunden aus den Bereichen Prozessautomatisierung und Umwelt an Bedeutung gewinnen werden.

Fazit: Chinas Industrielandschaft wandelt sich. Ausländische Unternehmen müssen sich darauf einstellen, doch sie finden durch die neuen Entwicklungen auch zahlreiche Möglichkeiten, gleich ob als Investoren oder als Zulieferer.

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(Dieser Trendbericht wurde im Auftrag der DECHEMA zusammengestellt. Die DECHEMA ist nicht verantwortlich für unvollständige oder falsche Informationen.)

 


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